Samstag, 30. September 2017

Kreativität - kann man das essen und wenn ja, wo nach schmeckt es?



Kreativität - ein herrlich undefinierter Begriff, der unseren Alltag infiltriert alsbald irgendwas auch nur irgendwie in irgendeiner Weise künstlerisch zu seien scheint. Kaum zeichnet jemand ein paar Striche, reimt ein paar Worte oder färbt etwas in einer „ungewöhnlichen“ Farbe fällt das Wort „kreativ“. Damit scheint Kreativität inflationär an allen Ecken verschlissen zu werden und alle sind irgendwie immer total kreativ.
 
Aber was gilt eigentlich als „kreativ“ und warum widerstrebt mir dieses Label häufig, obwohl es mir des Öfteren aufgedrückt wird?!



Kreative Gesellschaft: Die dekadente Wortverwendung

Zunächst will ich mal meinen persönlichen Eindruck vom gesellschaftlichen Umgang damit erläutern, weil, na ja, es scheint mir halt sinnig. 

In unseren Gefilden scheint so ziemlich alles irgendwie kreativ zu sein, was mit Malen, Musik und Co. in Verbindung steht; Jede Tätigkeit, jedes Ergebnis, was auch nur vage einen künstlerischen Bereich tangiert, gilt als kreativ. Dabei scheint es egal zu sein, ob die Zeichnung eigentlich nur ein mehr oder weniger gelungener Abklatsch etwas bereits existierenden ist - sei es vom selben Erschaffer oder von einen anderen. 

In diesem Zusammenhang, so nehme ich es zumindest wahr, bewirkte zum Beispiel der Erfolg eines Roman á la Twilight eine regelrechte Überschwemmung von vampirig-werwölfigen Büchern (wie mir scheint vor allen) in der Jugendliteratur. Durch die ständige Wiederholung in geringfügig abgewandelten Formen mutierte der Themenbereich zu einen recht einheitlichen Brei, der eine Massenproduktion zu sein scheint. Sicher, für Verlage war es lohnend, auf diesen glitzernden Zug auf zu hüpfen, aber was ist mit den AutorInnen?! Es ist möglich, dass für einige von ihnen jenes Werk literarisches Neuland ist oder ihnen vom Verlag etwas aufgedrückt wurde, aber - ohne dass ich mich selber intensiv mit diesem Bereich befasst habe - es scheint sich doch ein homogener Literaturmatsch in diesem Genre entwickelt zu haben. Kann man diese zahlreichen Ergüsse als kreativ bezeichnen oder ist es ein Schlag in das Gesicht anderer KünstlerInnen, die diese Bezeichnung mehr „verdient“ haben?

Oder ist es kreativ, wenn sich ein Künstler immer wieder mit demselben Thema befasst und seine Ergüsse unterschiedliche Varianten dessen darstellen? Nicht zuletzt wird Kafka zum Beispiel immer nachgesagt seine Daddy Issues zu verarbeiten.

Kann man in diesen Fällen von Kreativität sprechen? Jein - zumindest meiner Ansicht nach. Der Grad der Unterscheidung zwischen Kreativität und ständiger (Selbst)Wiederholung ist mitunter schwierig festzumachen und oft höchst subjektiv. Aber das alles ist schon außerhalb der alltäglichen Ebenen, die mich in diesem Blogeintrag konkret beschäftigen. 

Ich werde mein Unbehagen an diesen Beispiel veranschaulichen; In einen Kurs bekamen wir Teilnehmer die Aufgabe, aus den Buchstaben B L A U einen sinnigen Satz zu formulieren, dessen Wörter mit eben diesen Buchstaben versehen seien sollten. Zur Veranschaulichung wurde uns der  Satz „Bernd liegt am Ufer“ präsentiert, ehe wir uns vier Minuten diesem Spiel widmen durften. Das Ergebnis: Einige von uns hatten in dieser knappen Zeit um die zehn Sätze zu Stande gebracht, ich hingegen bin nur auf die angeforderten drei gekommen. Allerdings waren die meisten dieser Sätze nur geringfügig abgewandelte Varianten des  Beispielsatzes. Wenn es nicht Bernd war, der am Ufer lag, war es Beate oder Bär. Meine drei Sätze waren da doch etwas anders: „Bulimiker lassen alles unverdaut.“, „Biologie liefert alle Umstände.“ und „Bourdieu liebt alles Unklare“. Nun, ist Quantität oder Qualität kreativer? Ohne, dass ich mich selber als besonders kreativ beschreiben würde, behaupte ich mal keck und frech, dass meine Sätze sich von den anderen und voneinander mehr als nur geringfügig unterscheiden. Ich würde sie sogar als kreativ bezeichnen, was mein Verständnis dieses Begriffes verdeutlichen dürfte.



Kreativität und Wissenschaft

Aber was sagt unser Freund die Wissenschaft dazu? Aufgrund meiner derzeitigen Tätigkeit in der Kreativitätsforschung - und ja, das klingt verdammt unsexy - konnte ich einen Einblick diesbezüglich erhalten. Zunächst einmal sei gesagt, auch hier scheiden sich die Geister und es gibt zahlreiche Definitionen, unterschiedliche Bewertungen ihres Stellenwerts, yada yada yada. 

Die Position von Dr. Klaus K. Urban, u.a. Pädagoge, scheint mir persönlich eine der Sinnigsten zu sein. Ohne viel in die Tiefe zu gehen, will ich das Ganze mal zusammenfassen bzw. auf das Nötigste runterbrechen, ohne aber den Anspruch an Vollständigkeit und totaler Wissenschaftlichkeit zu erheben. Was für diesen Beitrag wichtig ist, ist Folgendes:
 

  • Kreativität umfasst bei Urban, dass die kreative Ideen eines Individuums zum einen für ebendieses neu ist und zum anderen in ein Produkt (Musik, Bild, etc.) umgesetzt werden. Damit ist ein Gedanke für sich alleine nicht als kreativ zusehen, sondern nur, wenn er mitgeteilt und in ein Produkt umgesetzt wird.
  • Zudem muss dieses Produkt eine gewisse Anerkennung von anderen Individuen erhalten bzw. eine Art Mehrwert für sie darstellen
  • Dabei wird nicht erwartet, dass das Rad neu erfunden wird; es kann auch die unübliche Kombination von Elementen sein wie „Ich schneide Wurst in mein Vanilleeis“ - wobei das sicherlich einige Schwangere bereits ersonnen und umgesetzt haben.
  • Demnach ist Kreativität mit einen gewissen Out-Off-The-Box-Denken verbunden, wobei kritisches Hinterfragen, das Reflextieren der eigenen Gedanken und Empathie ebenfalls in dem Definitionstopf geworfen werden.
  • Ferner ist auch die Motivation seine kreativen Impulse umzusetzen und am besten gar zu vollenden relevant in diesem Kreativitätsverständnis. – Jedoch entsinne ich mich gerade nicht, ob die Vollendung eines Werkes Bedingung  sein muss.
  • Urban listet zudem noch einen weiteren Punkt auf: Der Anlass von Kreativität geht mit einer Problemstellung einher, die durch die kreative Handlung gelöst werden soll. Ich bin mir derweil noch nicht sicher, auf was genau er sich da bezieht, würde es aber so erklären; der Impuls etwas Kreatives Umzusetzen kann das „Problem“ sein. Zum Beispiel, wenn ich bestimmte Ideen nicht umsetze, werde ich irgendwann so davon getrieben, dass es viele andere Gedanken verdrängt und ich meinen inneren Drang nachgehen muss, um den Kopf wieder frei zu haben. (Trivia-Fact: So ist auch dieser Text entstanden.)
Was mir in diesem Zusammenhang wichtig ist, ist, dass die wissenschaftliche Herangehensweise differenzierter ist, als das Alltagsverständnis gelegentlich vermuten lässt.


Also, kann man Kreativität jetzt essen?

Grundsätzlich ist es schwierig, das Ganze völlig aufzudröseln und auch dieser Blogartikel kann diesem üppigen Thema bei Leibe nicht gerecht werden. Es wirft das Dilemma auf, dass unter „Kreativität“ nicht jeder banale Scheiß verstanden werden sollte, aber gleichzeitig nicht erwartet werden kann, dass nur etwas völlig Neues darunter gefasst wird.

Bei der Existenzzeit der Menschheit, der Anzahl von Individuen, die bereits lebten oder es derweil tun, kann ein Gedanke zumeist noch nicht „nie gedacht“ worden sein. Allerdings kann er für eine Gruppe noch unbekannt sein. Wie zum Beispiel die Idee, Würstchen ins Vanilleeis zu schneiden; Das wäre eine neue Idee für Menschen, die noch nicht schwanger waren oder es unmittelbar bei anderen miterlebt haben. Gleichzeitig verdeutlicht dieses Beispiel auch den Aspekt der Kombination von den bekannten Elementen Wurst und Vanilleeis zu einen neuen - möglicherweise - kulinarischen Hochgenuss. Ebenso kann das Zweckentfremden von Elementen außerhalb ihrer ursprünglichen Bedeutung mitunter als kreativ bewertet werden. Zum Beispiel repariere ich viele Sachen mit Dübeln; wie die Klorollenhalterung meiner alten Wohnung. Da Klorollenhalterungen nicht zum natürlichen Habitat von Dübeln - also der Wand - gehören, kann man hier durchaus von Out-Of-The-Box-Denken sprechen. 



Und wonach schmeckt sie?! - Nach Wurststückchen im Vanilleeis

Was ist also die Conclusio meines Wurstgeschwafel zum Thema Kreativität? Was bleibt, ist, dass wissenschaftliche Positionen zur Kreativität ein deutlich differenziertes Bild des Begriffes aufweisen, als der alltägliche Inflationsgebrauch unserer Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass ich als Autorin/Kättoonistin diese Zuschreibung zumeist als unangenehm empfinde; Schließlich bin ich mir bewusst, dass das Wort „Kreativität“ öfters in den Mund genommen wird als so manche Zahnbürste. BTW, von einer befreundeten Autorin weiß ich, dass es ihr ebenso geht und es ist doch arg unwahrscheinlich, dass nur wir das so empfinden.

Es wäre begrüßenswert, nicht jeden Schmuh kreativ zu schimpfen und - da lehne ich Urbans Ansichten zu einen gewissen Maß ab - die Anerkennung sollte nicht eine Rolle spielen; Zumindest sollten immer wieder durchgenudelten Themen trotz breiter Anerkennung nicht bedingungslos als kreativ bewertet werden, sofern deren Ausgestaltung sich nur gering von den anderen Erzeugnissen unterscheiden. Der Tausendesten Roman über die verbotene Liebe zwischen Pastor und Gemeindemitglied sollte wenigstens in stilistische oder elementbezogenen Aspekten neuartig sein; Vielleicht spielt er in einer fernen Zukunft, in der die Pastoren prophylaktisch ein Keuschheitsgürtel tragen müssen, der bei sexueller Erregung einen Stromschlag abgibt oder dass sich Kleriker und Schäfchen bei einen gemeinsamen Essen von Vanilleeis mit Wurststückchen näher kommen. - Wahrscheinlich hat jemand diese Ideen bereits umgesetzt und ich hoffe, dass mir diese Person ein signiertes Exemplar davon zukommen lässt. 



Kreatives Dilemma: Zwischen Neuartigkeit und Wiedererkennung

Wenn man sich als Schaffender über das Stadium „Ich mache, was mir gefällt! Egal, was andere dazu sagen.“ hinaus ist und sagt „Ich mache, was mir gefällt, aber ich möchte nicht im homogenen Matsch von Erzeugnissen versumpfen. Es ist mir zwar egal, was die meisten sagen, aber nicht bei meiner Zielgruppe.“ werden andere Dimensionen des Kreativitätsverständnis deutlich. Damit ist man dann in der Regel schon über die privaten Gebrauch der eigenen Kreativität hinaus und strebt an, weitere Kreise zu erreichen. Als jemand, der mit seinen Kram nicht nur das nahe Umfeld erfreuen mag, sondern ein größeres Publikum anstrebt, sind Gedanken zur eigenen Positionierung und Kreativität ziemlich hilfreich. Einige meiner Autorenkollegen und ich sind uns da einig, dass wir uns der Herausforderung stellen, den eigenen Stil zu bewahren und gleichzeitig sich oder andere nicht einfach ständig zu reproduzieren. Dass die Erzeugnisse eines kreativen Kopfes durch die eigene Person zu einer gewissen Ähnlichkeit kommen können, liegt nahe, und ist mitunter sogar erwünscht. Dabei ist der Balanceakt sich zwischen eigenen Stil, aber ohne zu große Ähnlichkeit zwischen eigenen Produkten untereinander sowie den Ergüssen zu bewegen. Ob und in welcher Ausprägung man Differenzen und Gemeinsamkeiten des Eigenen haben möchte, muss dabei jeder selbst überlegen, nur macht es das Ganze nicht wirklich übersichtlicher. Aber: Es muss nicht alles immer exorbitant kreativ sein; wichtig ist vor allem, dass es den Lesenden in irgendeiner Weise erfreut.


 
Kreativ oder nicht-kreativ, das ist hier die Frage!

Wie dem auch sei, ohne, dass ich die Zuschreibung von Kreativität auf mich selbst anwenden möchte, so wäre mir ein differenzierteres Alltagsverständnis willkommen. Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass ein gewisser subjektiver Spielraum in der Kreativitätsdeklarierung vorhanden ist. Was Kreativität wirklich ausmacht, ist derweil nicht - oder vielleicht auch nie - klar festzulegen. Muss man aber auch nicht, denn Kreativität ist eine Sache, die besonders dem persönlichen Geschmack unterliegt. Sie ist etwas, was nur schwer zu fassen und noch schwerer zu definieren ist.
Dennoch würde ich es begrüßen, wenn mit diesem Begriff nicht um sich geschmissen wird wie mit Erkältungserregern beim Niesen. Damit will ich bei Leibe nicht den Mehrwehrt eines Buches schmälern, dass eine Geschichte, die schon so oft erzählt wurde, beschreibt. Auch das kann den Leser beglücken, weil es vielleicht bestimmte Aspekte mehr betont als die anderen Varianten. Aber Kreativität sollte mehr sein, als nur ein paar Striche, ein paar Reime oder ein paar Noten und mal ehrlich, nicht alles, was jemand macht, muss immer total „kreativ“ sein.  – Und das gilt auch für Schaffende, die damit Geld verdienen.

Donnerstag, 24. August 2017

Freitod eines Musikers - Mehr als ein Verlust für Familie und Fans



Vorwort


Vorab möchte ich betonen, dass der Text meine subjektive Ansicht zu der Thematik wiederspiegelt und keinen wissenschaftlichen Anspruch hat. Ich erwarte weder Einwände noch Zustimmung oder dass im Anschluss sich die Welt verändert hat. Es ist mir gelinde gesagt ein Bedürfnis, mich diesbezüglich zu äußern. 




Schock am Donnerstag


Vielen von uns verschlug es vor kurzem regelrecht den Atem, als der Tod von Linkin Park Sänger Chester Bennington bekannt wurde. Wie bei vielen begleitete mich die Musik dieser Band in meiner Teenie-Zeit und obwohl sie für mich inzwischen an Stellenwert eingebüßt hat, so erfreue ich mich immer noch an ihren Songs.


Ohne Zweifel ist es immer tragisch, wenn ein Mensch den Kampf gegen seine inneren Dämonen verliert und den Freitod wählt. Und es ist unlängst beschissen genug, dass ein guter Musiker gestorben ist.


Allerdings – und ich will den Menschen ihre trauernde Sprachlosigkeit bezüglich des Verlustes nicht absprechen und bezichtige niemanden nicht wirklich im den Sänger zu trauern – ist mir trotz meiner eigenen Betroffenheit der zeitlich verzögerte Aufschrei der Menschen bezüglich Depressionen zuwider. Nun, auch wenn die mediale Sintflut sich diesbezüglich (noch?) recht bedeckt hält, so beobachte ich das Ganze skeptisch.

Aber was genau stört mich? Es sind genau zwei zentrale Aspekte; Zum einen die Reduzierung eines Menschen auf seine Krankheit – schließlich war Chester Bennington mehr als nur eine Person mit Depressionen – und zum anderen der Umgang mit dem Thema Depressionen an sich, dass durch seine dilettantische Verkürzung dem Betroffenen nicht gerecht wird.






Das gesellschaftliche Depressionsdrama


Zuerst möchte ich mich dem Thema im Allgemeinen zu wenden. Im alltäglichen Leben leiden viele Menschen an Depressionen und zu oft wird diese Erkrankung von viel zu vielen Personen abgetan. Nach dem Motto „Jeder ist ja mal traurig.“ oder „Dann sei doch einfach nicht mehr traurig.“ werden Betroffene oft nicht als ernsthaft erkrankt wahrgenommen – Zumindest ist das der Eindruck, den viele Depressive beschreiben und welches ich am Verhalten anderer bestätigt sehe.


Vielleicht liegt es daran, dass aufgrund der Eigendiagnose „Depression“ die Gesellschaft ähnlich abstumpfen ist wie es bei selbstzugeschriebener Legasthenie oder ADHS. Möglicherweise können sich viele auch schlichtweg nicht vorstellen, wie die eigene Psyche droht von dem dunklen Sog ihrer Selbst verschlungen zu werden und wie einen die eigenen düsteren Gedanken immer mehr in den seelischen Abgrund zwischen Trauer, Verzweiflung und Gefühlslosigkeit treiben ohne dass man sich ihrer Macht entziehen könnte, ganz gleich wie man sich wehrt.


Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass in einer sich zur Selbstoptimierung geißelnen Gesellschaft kaum Platz für Krankheiten generell ist, insbesondere, wenn es sich um welche handelt, die nicht sichtbar sind oder sich vor allem auf die Black Box des menschlichen Geistes beziehen. Zudem wird oft suggeriert, dass Depressionen per se heilbar sowie temporär sind und eigentlich jeder Mensch mal darunter leiden würde. Dass dabei viele Menschen übersehen werden, deren Dämonen sie länger, vielleicht sogar ein Leben lang begleiten und nicht zwangsläufig zu behandeln sind, wird dabei außen vor gelassen. Dabei spreche ich von Dimensionen, die außerhalb dieser „einmal im Leben für eine Zeit“- Terminologie fallen, sondern von den Menschen, bei denen die Erkrankung zum ständigen Begleiter geworden ist. Und nein, dabei handelt es sich nicht um randständige Existenzen, die im Strudel der Zeit verschlungen wurden; Es betrifft auch viele Personen, die einen Platz mitten in der Gesellschaft haben. Aber das ist ein Thema, dass an für sich adipöse Bände einer Depressions-Enzyklopädie beanspruchen würde und hier nicht weiter ausgeführt wird.


Unwissenheit statt Ausklärung
Diese gesellschaftliche Verklärung zu Depressionen führt mitunter zu einen für mich skurril anmutenden  Gebaren vieler Menschen, dass zu diesem Thema zu Tage tritt. Ich will bei Leibe nicht sagen, dass ich auf dem Gebiet besonders versiert bin, jedoch bin ich mir meiner begrenzten Kenntnis bewusst und habe mir die Müge gemacht, mich fachlich zumindest grob zu informieren und mit Betroffenen zu sprechen.

Um es vorweg zu nehmen: Mir widerstrebt dabei NICHT die kollektive Betroffenheit, die nach dem Suizid eines bekannten Depressionsleidendem auftritt, sondern die kurz danach auftretende Fülle von Kommentaren zu der Krankheit. Und das von Menschen, deren Wissen - zumindest legen es so manche Aussagen nahe – darüber derart oberflächlich ist, dass es mir die Schamesröte ins Gesicht treibt. Und gerade diese Beiträge werden mitunter bis zum Erbrechen gelikt und geteilt und verbreiten so ein Bild von Depressionen, dass diese Erkrankung nur unzulänglich bis falsch wiedergibt.

Mit Unbehagen entsinne ich mich an die Flut an unwissenden Posts und Kommentaren, die nach dem Ableben von Robin Williams die digitale Welt überschwemmten. Gedanken a la „Durch seine Depressionen war seine Heiterkeit nur eine Maske“ oder „Er wollte andere zum Lachen bringen, weil er selbst so traurig war“ wurden an jeder Ecke der Social Media Welt verbreitet. Der Gedanke, dass Depressive nicht aus vollen Herzen lachen könnten zeigt mehr als deutlich die Unwissenheit über eine Erkrankung, die so vielfältig zu Tage tritt, dass manchmal Betroffene und ihr Umfeld von der Diagnose überrascht sind.

Aber es tangiert mich wahrlich nicht nur die Ahnungslosigkeit über Depressionen, denn Unwissenheit an und für sich ist grundsätzlich nichts Verwerfliches, wenn aber Unwissende ihre Gedanken zu einen Thema präsentieren, als wüssten sie, wovon sie reden, erscheint mir gerade bei einen solchen Zusammenhang ziemlich unpassend. Jeder, der sich einigermaßen mit Depressionen auseinander gesetzt hat – ganz gleich, aus welchen Gründen – dürfte wissen, dass sich diese Krankheit nicht so platt pauschalisiert werden kann.



Zweierlei Maß

Der letzte Aspekt, der sich mit Depressionen im Allgemeinen befasst, ist die gegensätzliche Reaktion, die bei dem Thema auftritt. Ich fände es begrüßenswert, wenn sich die Gesellschaft mit dieser Erkrankung jenseits der hohlen Phrasen auseinandersetzt und selbst, wenn der Anstoß durch den Verlust eines bekannten Menschen geschieht. So hinterließe der Tod neben der Trauer ein Fünkchen Hoffnung, was jedoch dann im Zusammenhang mit Prominenz zum Thema geschieht, ist an perverser Doppelmoral kaum zu überbieten; schließlich scheint es, als wenn aus „Dann hör´ doch auf, traurig zu sein“ „Depressionen sind so schlimm“ wird. 

Anstatt, dass sich ein allgemeines Verständnis für die Erkrankung einstellt, wird mit zweierlei Maß gemessen. Ich vermute, die meisten Betroffenen – sei es die erkrankte Person selbst oder deren Angehörigen – spüren vielleicht eine ähnliche Aversion bezüglich dieses Ungleichgewicht der Reaktionen; Zum einen das alltägliche Erleben der Banalisierung sowie dem Missverstehen von Depressionen und dann die exorbitante Menge an flüchtigen Verständnis für diese Krankheit, wenn es eine bekannte Person betrifft.



Trauer um einen Musiker

Nun, neben diesem fast schon skurril anmutenden Umgang mit Depressionen scheint ein weiterer Missstand aufzutreten, wie ich ihn zu Beginn bereits angesprochen habe. Denn durch diese Depressionspost im Kontext zu dem Suizid eines Menschen rückt relativ zeitnah das eigentliche Thema nach hinten. Statt einfach mal nur um den Musiker Chester Bennington zu trauern, verseuchen zunehmen die platten „Depressionsweisheiten“ die Todesmeldung.

Die unmittelbare Nennung der Krankheit bei seiner Todesmeldung ebenso wie die mediale Welle der Depressionskommentare führen dazu, dass die Trauer um die Person nebensächlich wird. Damit wird weder den Angehörigen noch dem Verstorbenen genüge getan; Aus einen Menschen mit Familie und Karriere wird ein Musiker, der sich wegen Depressionen umgebracht hat.

Es hat keinen halben Tag nach der Bekanntwerdung gedauert bis gefühlt jede Meldung bezüglich seines Todes das Wort Depression genannt wurde. Es ist mehr als schade, dass nicht mal in Ruhe um einen Musiker getrauert werden kann, ohne dass gleichzeitig auf seine Depressionen hingewiesen wird. Ich habe mitunter den Eindruck, dass der Freitod eines Prominenten für die Medienwelt eine besondere Perle zu sein scheint…



Zwischen Abschiednehmen und Ärgernis

Nun, diese zwei Aspekte, die bei diesem Todesfall zutrage kommen; Der ambivalente Umgang mit einer Krankheit verstimmt mich und behindert mich persönlich daran, um einen meiner liebsten Musiker meiner Jugend zu trauern. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass ich mit diesem Beitrag gleichermaßen an dem Diskurs teilnehme, aber der Weg ist ein anderer.

Es gibt viele Dinge, die gesellschaftlich arg verbesserungswürdig sind, jedoch dieser Punkt tangiert mich aufgrund meines eigenen Unverständnisses in besonderen Maße. Ich kann schlichtweg nicht erfassen, warum die Menschen eine solche Auffassung von Depressionen haben und geistige Erkrankungen generell eine gesellschaftliche Stigmatisierung erfahren, so sind körperliche Gebrechen doch anerkannt; Niemand würde jemanden mit gebrochenen Bein sagen, dass es einfach nicht mehr gebrochen sein soll. Es ist wahrlich nicht so, dass ich das nicht auf intellektueller Ebene verstehe; Es ist viel mehr so, dass mein Verständnis dieses Unverständnis nicht begreifen kann – oder will.



Fazit – Was bleibt

Wie dem auch sei; Letztendlich bleiben neben einer trauernden Familie und bestürzten Fans auch viele Leidensgenossen zurück, die diese Farce von einer verständnisvollen Allgemeinheit ertragen müssen. Es mag nicht so drastisch sein, wie ich es schildere, aber zweifelsohne lässt sich nicht leugnen, dass dieser Eindruck über die Medien – und damit umfasse ich auch die Web 2.0 Instanzen – transportiert wird. Und ich bezweifle, dass nur ich diesen Eindruck habe. 

Im Großen und Ganzen – und es gibt vermutlich noch einige Aspekte zu berücksichtigen – bewirkt der Selbstmord Chester Benningtons mehr als die Trauer von Angehörigen und Fans. Und das finde ich schon bitter genug.